Als ich im ersten Ausbildungsjahr zur Erzieherin war,
bekam ich die Aufgabe, mich mit meiner eigenen Person auseinander zusetzen.
Warum hatte ich diese Ausbildung begonnen? Wie werde ich wohl als
professionelle Fachkraft sein? Während meiner Recherchen stieß ich damals auf
Eckart von Hirschhausen und seinen kleinen Pinguin.
Er bedauerte diesen kleinen Vogel, als er ihn sah. Er
nannte ihn eine Fehlkonstruktion, weil er nicht fliegen konnte und noch nicht
einmal eine Taille besaß. Auf dem Land schien der Pinguin wirklich keine gute
Figur abzugeben, doch sein Körper ist perfekt für das Schwimmen im Wasser
modelliert. Das Schwimmen und Tauchen sind die großen Stärken des Pinguins.
Glücklicherweise verbringen Pinguine auch zwei Drittel ihres Lebens im Wasser
und können dadurch ihre Stärken hervorragend zum Ausdruck bringen und in ihrem
Lebensraum überleben.
Bin ich den Anforderungen des Lebens
nicht gewachsen?
In meiner Schulzeit erging es mir
ähnlich. Ich war stets nur eine durchschnittliche Schülerin. In gewissen
Fächern wie Deutsch und Geographie gehörte ich zu den besseren Schülern, im
naturwissenschaftlichen und mathematischen Bereich verstand ich häufig nur
Bahnhof.
Ich fühlte mich oftmals wie eine
Versagerin, weil ich immer wieder mit meinen Schwächen konfrontiert wurde und
sich trotz Nachhilfe und emsigen Lernen keine Verbesserung einstellte. Alle um
mich herum schienen die Kurvendiskussionen und die Proteinbiosynthese zu
begreifen, nur ich saß da und hätte stattdessen lieber
eine zwanzig-seitige Gedichtinterpretation geschrieben oder die
Städtebauplanung des antiken Roms analysiert. Als ich eines Abends den Anruf
meiner Klassenlehrerin bekam, die mir mit Bedauern mitteilte, dass ich mein
Abitur nicht geschafft hätte, brach meine Welt und der große Traum von einem
Studium, binnen weniger Minuten, zusammen.
Ich dachte ich wäre den Anforderungen
des Lebens nicht gewachsen. Meine Schwächen erschienen mir unendlich groß und
meine Stärken wirkten bedeutungslos und nichtig. An dieser Stelle möchte ich
einen Zeitsprung machen zurück in das Jahr 2019. Ich bekomme mein Zeugnis und
meine staatliche Anerkennung als Erzieherin. Meine Tutorin überreicht mir
zusätzlich ein kleines Geschenk und bedankt sich für meine
überdurchschnittlich guten Leistungen während der gesamten Ausbildung. In den
Händen halte ich nun ein Zitat von Albert Einstein, dessen Aussage mich sofort
anspricht:
Jeder ist ein Genie! Aber wenn du einen Fisch danach beurteilst, ob er auf einen Baum klettern kann, wird er sein ganzes Leben lang glauben, dass er dumm ist.
Bist du ein Pinguin in der Wüste?
Während meiner
Schulzeit lag mein eigener Fokus zu sehr auf meinen Schwächen. Ich konnte meine
Stärken nicht erkennen, denn zwischen den starren Stundenplänen war wenig Platz
für freie Entfaltung.
Mit dem theoretischen Teil der
Fachhochschulreife wandte ich der Schule den Rücken zu und machte ein
freiwilliges soziales Jahr in einem Seniorenheim. Ich begleitete fortan
Menschen an ihren letzten Lebenstagen, gestaltete eine eigene Zeitung und
dokumentierte Veränderungen des körperlichen und mentalen Zustandes der mir
anvertrauten Senioren. Ich bekam von meinen Kollegen sehr viel positives
Feedback und zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte ich das Gefühl, dass ich
etwas richtig gut könne und möglicherweise auch so etwas wie Talent besäße.
Mit dieser Euphorie begann ich meine Ausbildung zur
Erzieherin in der ich es richtig wissen wollte. Jegliche Themenfelder von
Entwicklungspsychologie, über gesunde Ernährung oder Erziehungsstile
interessierten mich und entfachten in mir ein Feuer. Ich sog das gesamte Wissen
wie ein Schwamm auf und spornte mich selbst zu Höchstleistungen an. In meiner
Freizeit las ich viele Fachbücher, in Praktika versuchte ich so viel wie
möglich mit zu nehmen und auch in der Schule strebte ich immer weiter
Bestleistungen an. Ich hatte schnell den Ruf als Perfektionistin und
Klassenstreber, aber das war mir egal, denn alles interessierte mich so sehr
und das Lernen viel mir plötzlich sehr leicht. Ich war in meinem Element und
konnte plötzlich zeigen, welches Potential wirklich in mir steckt.

Fang an zu leuchten!
Ich werde kein Millennium Problem der
Mathematik lösen, oder dir die chemische Zusammensetzung von Haarfärbemitteln erklären
können, aber ich kann dir Wissen im Bereich der Pädagogik und Psychologie
näherbringen, dir helfen dich mit deinem eigenen Leben auseinandersetzen und
ich kann planen, organisieren und Konzepte entwickeln. Bei all den Tätigkeiten fängt
mein Inneres an zu Leuchten. Meine Schwächen spielen auf diesem Gebiet keine
Rolle mehr und so kann ich immer weiter wachsen. Sollte ich dennoch noch einmal
mit einer meiner Schwächen konfrontiert werden, so weiß ich, dass es nicht
schlimm ist sich Hilfe zu suchen. Man kann nicht in allen Dingen gut sein.
Der große Traum von einem Studium erfüllt sich dieses
Jahr für mich. Und mit ihm die Gewissheit, dass ich den Anforderungen gewachsen
sein werde und bereits jetzt schon auf vier Jahre Erfahrung im sozialen Bereich
zurückgreifen kann.



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