Zufriedenheit beginnt mit der Entscheidung, man selbst zu sein.

Lebst du in deinem Element? | Das Pinguin Prinzip

August 27, 2019

Alles eine Frage des Blickwinkels
Als ich im ersten Ausbildungsjahr zur Erzieherin war, bekam ich die Aufgabe, mich mit meiner eigenen Person auseinander zusetzen. Warum hatte ich diese Ausbildung begonnen? Wie werde ich wohl als professionelle Fachkraft sein? Während meiner Recherchen stieß ich damals auf Eckart von Hirschhausen und seinen kleinen Pinguin.

Er bedauerte diesen kleinen Vogel, als er ihn sah. Er nannte ihn eine Fehlkonstruktion, weil er nicht fliegen konnte und noch nicht einmal eine Taille besaß. Auf dem Land schien der Pinguin wirklich keine gute Figur abzugeben, doch sein Körper ist perfekt für das Schwimmen im Wasser modelliert. Das Schwimmen und Tauchen sind die großen Stärken des Pinguins. Glücklicherweise verbringen Pinguine auch zwei Drittel ihres Lebens im Wasser und können dadurch ihre Stärken hervorragend zum Ausdruck bringen und in ihrem Lebensraum überleben.



Bin ich den Anforderungen des Lebens nicht gewachsen?
In meiner Schulzeit erging es mir ähnlich. Ich war stets nur eine durchschnittliche Schülerin. In gewissen Fächern wie Deutsch und Geographie gehörte ich zu den besseren Schülern, im naturwissenschaftlichen und mathematischen Bereich verstand ich häufig nur Bahnhof.
Ich fühlte mich oftmals wie eine Versagerin, weil ich immer wieder mit meinen Schwächen konfrontiert wurde und sich trotz Nachhilfe und emsigen Lernen keine Verbesserung einstellte. Alle um mich herum schienen die Kurvendiskussionen und die Proteinbiosynthese zu begreifen, nur ich saß da und hätte stattdessen lieber eine zwanzig-seitige Gedichtinterpretation geschrieben oder die Städtebauplanung des antiken Roms analysiert. Als ich eines Abends den Anruf meiner Klassenlehrerin bekam, die mir mit Bedauern mitteilte, dass ich mein Abitur nicht geschafft hätte, brach meine Welt und der große Traum von einem Studium, binnen weniger Minuten, zusammen.
Ich dachte ich wäre den Anforderungen des Lebens nicht gewachsen. Meine Schwächen erschienen mir unendlich groß und meine Stärken wirkten bedeutungslos und nichtig. An dieser Stelle möchte ich einen Zeitsprung machen zurück in das Jahr 2019. Ich bekomme mein Zeugnis und meine staatliche Anerkennung als Erzieherin. Meine Tutorin überreicht mir zusätzlich  ein kleines Geschenk und bedankt sich für meine überdurchschnittlich guten Leistungen während der gesamten Ausbildung. In den Händen halte ich nun ein Zitat von Albert Einstein, dessen Aussage mich sofort anspricht:

Jeder ist ein Genie! Aber wenn du einen Fisch danach beurteilst, ob er auf einen Baum klettern kann, wird er sein ganzes Leben lang glauben, dass er dumm ist.

Bist du ein Pinguin in der Wüste?
Während meiner Schulzeit lag mein eigener Fokus zu sehr auf meinen Schwächen. Ich konnte meine Stärken nicht erkennen, denn zwischen den starren Stundenplänen war wenig Platz für freie Entfaltung.
Mit dem theoretischen Teil der Fachhochschulreife wandte ich der Schule den Rücken zu und machte ein freiwilliges soziales Jahr in einem Seniorenheim. Ich begleitete fortan Menschen an ihren letzten Lebenstagen, gestaltete eine eigene Zeitung und dokumentierte Veränderungen des körperlichen und mentalen Zustandes der mir anvertrauten Senioren. Ich bekam von meinen Kollegen sehr viel positives Feedback und zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte ich das Gefühl, dass ich etwas richtig gut könne und möglicherweise auch so etwas wie Talent besäße.
Mit dieser Euphorie begann ich meine Ausbildung zur Erzieherin in der ich es richtig wissen wollte. Jegliche Themenfelder von Entwicklungspsychologie, über gesunde Ernährung oder Erziehungsstile interessierten mich und entfachten in mir ein Feuer. Ich sog das gesamte Wissen wie ein Schwamm auf und spornte mich selbst zu Höchstleistungen an. In meiner Freizeit las  ich viele Fachbücher, in Praktika versuchte ich so viel wie möglich mit zu nehmen und auch in der Schule strebte ich immer weiter Bestleistungen an. Ich hatte schnell den Ruf als Perfektionistin und Klassenstreber, aber das war mir egal, denn alles interessierte mich so sehr und das Lernen viel mir plötzlich sehr leicht. Ich war in meinem Element und konnte plötzlich zeigen, welches Potential wirklich in mir steckt.

 Streichholz, Zündholz, Zündhölzer, Anzünder, Schwefel

Fang an zu leuchten!
Ich werde kein Millennium Problem der Mathematik lösen, oder dir die chemische Zusammensetzung von Haarfärbemitteln erklären können, aber ich kann dir Wissen im Bereich der Pädagogik und Psychologie näherbringen, dir helfen dich mit deinem eigenen Leben auseinandersetzen und ich kann planen, organisieren und Konzepte entwickeln. Bei all den Tätigkeiten fängt mein Inneres an zu Leuchten. Meine Schwächen spielen auf diesem Gebiet keine Rolle mehr und so kann ich immer weiter wachsen. Sollte ich dennoch noch einmal mit einer meiner Schwächen konfrontiert werden, so weiß ich, dass es nicht schlimm ist sich Hilfe zu suchen. Man kann nicht in allen Dingen gut sein.

Der große Traum von einem Studium erfüllt sich dieses Jahr für mich. Und mit ihm die Gewissheit, dass ich den Anforderungen gewachsen sein werde und bereits jetzt schon auf vier Jahre Erfahrung im sozialen Bereich zurückgreifen kann.  



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