Zufriedenheit beginnt mit der Entscheidung, man selbst zu sein.

Arbeiten in der Kinderkrippe - So ist es wirklich

August 26, 2019


Der Summer der Tür ertönte. Als ich in die Garderobe trat, begrüßte mich meine Kollegin lächelnd, mit einem Kleinkind auf dem Arm. Die ersten Kinder bemerkten meine Anwesenheit und riefen lautstark meinen Namen durch die Kita. Immer mehr Kinder liefen auf mich zu und fielen mir um meine Beine. Es ist schön wieder hier zu sein, dachte ich.

Sobald ich in der Einrichtung bin, geht es nur noch um die Kinder

Meine Arbeitszeit hat noch nicht einmal begonnen und schon bin ich mitten im Kitageschehen. So ist es oft und es erleichtert meinen Arbeitsalltag ungemein. Ich kann all meine Gedanken draußen lassen, denn sobald ich in der Einrichtung bin, geht es nur noch um die Kinder.
Die Krippe ist für viele Kleinkinder die erste Einrichtung, in der sie in ihren noch so jungen Jahren fremdbetreut werden. Alles ist am Anfang fremd: die Erwachsenen, die Kinder, die Räumlichkeiten und sogar der Tagesablauf. In der Krippe fängt alles an. Laufen, Sprechen, die selbstständige Nahrungsaufnahme, das Sauber werden, sich selbst und andere kennenlernen – das alles und noch viele andere Entwicklungsaufgaben wollen in Angriff genommen und bewältigt werden. Und wir Erzieher sind immer präsent. Mit unserer Mimik, Gestik, unseren Rektionen und unserer Sprache spiegeln wir den Kindern ihr Verhalten wieder und geben ihnen einen ersten Eindruck ihres Selbst.


Wie erkenne ich, wer ich bin?
Ich erfahre von dir, wer ich bin.
In deinen Augen sehe ich mich widergespiegelt.
Aus deiner Stimme höre ich wie du mich siehst.
Du bist der Spiegel, in den ich blicke und der das Bild meiner selbst formt.
Ich spüre, wie du mich hältst,
und durch deine Berührungen fühle ich meine Gestalt, meine Form.
Und wenn mir gefällt, was ich sehe in deinen Augen
in deiner Stimme in deiner Berührung,
antwortet mein Herz und öffnet sich.
Und während es sich immer weiter öffnet,
wächst es und wächst es, bis ich mich als eigenständig erkenne.
Dieses eigenständige Selbst – wiederum – kann dir die Liebe erwidern.
Weil du mich gelehrt hast, wer ich bin.
 und dass ich geliebt werde.
(Polly Elam zit. nach l. Valentin 2007)

Wer keinen Platz in seinem Herzen hat, sollte kein Erzieher werden.

Die Arbeit in der Krippe kann körperlich sehr belastend werden. Viele Kinder müssen noch getragen und gehoben, gewickelt, angezogen und gefüttert werden. Auch die Lautstärke von ausgelassen-spielenden oder weinenden Kindern sollte nicht unterschätzt werden.
Als Erzieher bietet man den Kindern eine neue Beziehung an. Wer daher kein Platz in seinem Herzen hat, oder sich vor Sabber, vollen Windeln und Schnupfnasen ekelt, sollte kein Erzieher werden. Gerade Krippenkinder benötigen jede Menge Zuwendung, Trost und körperliche Nähe. Haben sie doch zuvor alles mit ihren Eltern gemacht und sind jetzt plötzlich auf sich allein gestellt.
Kinder, mit denen ich zu tun habe, merken schnell, dass ich ihnen eine sichere Basis bieten kann. Ich bleibe bei ihnen. Ich streichle und singe sie zur Mittagsruhe in den Schlaf und bin wieder da, wenn sie erwachen.
Wiederkehrende Alltagssituationen, wie das Wickeln eines Kindes, versuche ich als Möglichkeit zu einem persönlichen Bindungsaufbau zu sehen. Für mich ist dies keine Tätigkeit, die ich im Schlaf erledigen könnte. Jedes Kind ist anders und darauf sollte auch eingegangen werden. Manche Kinder mögen es, wenn man mit ihnen herum albert. Ist man selbst gut drauf und lacht das Kind an, wird das Wickeln fast wie eine Spaßveranstaltung. Andere Kinder wollen sich beteiligen und lieben es, wenn sie ihre neue Windel oder Feuchttücher halten dürfen und sie mir im Anschluss dann überreichen können. Manche Kinder möchten auch einfach nur einem Lied oder einer Geschichte lauschen, damit die Zeit nicht zu langweilig wird. Ich versuche stets dem zu wickelndem Kind das Gefühl zu geben, dass ich gerne bei ihm bin und dass es meine volle Aufmerksamkeit verdient hat.

Macht sollte niemals missbraucht werden

Es gibt für mich kein schöneres Gefühl, wie, wenn mich ein Kind zu seinem Rückzugsgebiet auserkoren hat und zu mir kommt, weil es mich gerade braucht. Ich gebe ihm die Möglichkeit in meiner Gegenwart Kraft zu tanken, sich zu beruhigen und zu entspannen. Man kann ein Kind sehr schnell trösten, wenn man es kennt und es sich auf dich einlassen kann. Gleichzeitig fühlt sich das Kind mit seinen Emotionen angenommen und entwickelt eine Akzeptanz gegenüber sich selbst und seinen eigenen Empfindungen.
Erzieher müssen zudem gute Beobachter sein. Sie dürfen nicht zu voreilig in Situationen eingreifen und müssen innerhalb von Sekunden abschätzen, ob eine Situation das Kind überfordern wird oder sogar gefährlich werden könnte oder ob es  für seine Entwicklung vorteilhaft ist, das Kind noch ein wenig ‘machen zu lassen‘. In der Krippe können die meisten Kinder noch nicht sprechen. Umso wichtiger ist es, dass die Erzieher aufmerksam und präsent sind, um herauszufinden, welche Bedürfnisse ein Kind gerade hat. Nicht immer kann ein Kind sich der Norm entsprechend verhalten. Manchmal ist es einfach wütend, traurig oder auch überglücklich und kann gerade nicht das machen, was von ihm verlangt wird. Und gleichzeitig darf man als Erzieher nie vergessen, dass man mit seinem ganzen Ich eine Vorbildperson und Autorität ist, an dem sich die Kinder orientieren werden, dessen Macht aber niemals missbraucht werden sollte.



Erzieher zu sein bedeutet außerdem, sein Leben lang dazu zu lernen

Ein Erzieher kann nicht alles wissen. Die Ausbildung bietet eine gute Grundlage und doch wird sie niemals ausreichen. Auch in der Praxis ist es wichtig, ein Verhalten, welches man anfänglich nicht versteht, auf dem Grund zu gehen und hinzuzulernen. Ich habe mich immer still gefragt, wieso unsere Kleinsten andauernd ihre Fläschchen und Teller vom Tisch werfen müssen.
Kaum hat man es aufgehoben, wird es wieder hinunter geworfen. Die Folge in der Praxis war einfach, dass es für die Kleinsten keine Teller mehr gab und sie ihr Frühstück oder Vesper immer Stückchenweise in die Hand gegeben bekommen haben. Vieles wird auch einfach als
typisch für Kleinkinder, oder als
das ist halt soabgetan.
Doch mein lern begeistertes Wesen wollte es genauer wissen und fand heraus, dass Kleinkinder damit ihre Selbstwirksamkeit erproben. Sie erkennen, dass sie mit ihren Handlungen ihre Umwelt beeinflussen können. Auf ihr Verhalten erfolgt eine Reaktion. Sie sind da, sie werden beachtet, sie sind wichtig. Ihr Handeln bewirkt etwas. Seitdem ich das weiß, habe ich mich nie wieder über dieses Verhalten geärgert und hebe mit Freude die Gegenstände ein weiteres Mal wieder auf.
Der Tag in der Krippe vergeht so schnell. Und bald stehen auch schon die Eltern vor der Tür um ihre Kinder wieder in die Arme zu schließen und abzuholen. Auch die Eltern wünschen sich das Beste für ihre Kinder und freuen sich, wenn man sich einen Moment Zeit nimmt und ihnen ein wenig vom Tag erzählt. Erzieher sollten stets das Gute des Kindes im Auge behalten. Die Fortschritte, die schönen Momente und die interessanten Ideen des Kindes sollten immer im Vordergrund und vor doppelten Tadel stehen. Für Eltern ist es auch nicht leicht, ihr Kind in eine Einrichtung zu geben, doch wenn man ihnen die Möglichkeit gibt wenigstens ein bisschen am Kita Alltag ihrer Kinder teilhaben zu können, ist das für viele schon viel Wert.

Sie werden uns vergessen, aber wir schwingen in ihnen weiter

Ich als Erzieherin habe in der Krippe eine Berufsmöglichkeit gefunden, welche mir sehr zusagt. Als eher ruhige und zurückhaltende Person hatte ich oft das Gefühl, nicht in den Beruf hineinzupassen. Doch Krippenkinder benötigen nicht immer Aktion. Sie brauchen Sicherheit, Betreuung, Nähe, Vertrauen und Geduld. Sie sollen erst einmal in der fremden Einrichtung ankommen und sich wohl fühlen. Fühlen sie sich sicher genug, fangen sie wie von selbst an neue Dinge auszuprobieren und ihre Umwelt zu erkunden. Mir ist es wichtig, dass ich meine Adressaten kenne und auf ihre Bedürfnisse eingehen kann. Ich möchte meinen Bildungs- und Erziehungsauftrag leisten. Ich bin wertschätzend im Umgang mit meinen Adressaten, denn jedes Kind hat seine eigenen Hürden im Leben und entwickelt eigene Stärken und Interessen.
In der Krippe werden die Grundsteine für die weitere Laufbahn gelegt. Kaum ein Kind erinnert sich noch an die Zeit in seiner Krippe, wenn es später erwachsen sein wird. Aber wir schwingen in ihnen weiter, denn wir haben mit ihm gemeinsam die Grundsteine seiner Selbstwahrnehmung und seines Selbstwertgefühls geschaffen.


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